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Versicherungen

So werden sie ausspioniert

So werden die Versicherten tatsächlich betrogen

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Mehme Göker sucht über soziale Medien Mitarbeiter bei den Versicherungen. Diese Suchen werden dann innerhalb kürzester Zeit wieder gelöscht - der mit Haftbefehl Gesuchte will seine Spuren verwischen

Die großen deutschen Versicherungen systematisch von kriminellen Versicherungsmaklern, Agenturen und Vermittlern ausspioniert. Das haben Recherchen des :gerlachreport ergeben. Nach derzeitigen Ermittlungen sind die AXA, DBV, Inter, Central, Hallesche, Allianz, Hanse Merkur, Barmenia, Deutscher Ring, Versicherungskammer Bayer-BBKK und die Signal Iduna betroffen. Sie decken mehr als 80 Prozent des Marktes für private Krankenversicherungen ab.

Dabei verfolgen die Täter zwei wesentliche Ziele: Zugang zu den Daten der PKV-Versicherten und eine Beschleunigung der Bearbeitung bei den Versicherungen. Bei diesem Spiel geht es um Millionen. Versicherungsmakler und Agenturen zahlen den Vermittlern bis zu 62 Prozent Provision für einen erfolgreichen Abschluss.

Doch bis dahin ist der Weg oft weit und langsam. Dabei ist Zeit Geld. Denn die Opfer „dürfen nicht kalt werden“. Das bedeutet, dass der Vermittler schnell zum Abschluss kommen muss.

Das Geschäft geht so: In der privaten Krankenkasse werden Tarife angepasst, Versicherte werden älter, Leistungen werden verändert. Viele Versicherte kümmern sich zu selten um den richtigen, angemessenen Tarif. Dabei ist das direkte Gespräch mit der Versicherung so einfach.

Jeder Tarifwechsel ist für die Makler, Agenturen und Vermittler ein lohnendes Geschäft. Sie verdienen offiziell nur in der Differenz von altem zum neuem Vertrag - in der Regel wird das Zwölffache der angeblichen Einsparsumme abgerechnet. Verhandelt der Versicherte richtig, kann er diesen Zahlbetrag auf den Faktor acht oder zehn drücken.

Beispiel: Spart der Versicherte 200 Euro im Monat, kassiert „der Optimierer“ bis zu 2.400 Euro. Diese Summe zahlt aber nicht die Versicherung, sondern der Versicherte. Damit ist der Vermittler und das Unternehmen, für das er arbeitet, aus jeder Haftung aus dem Versicherungsvertrag entlassen.

Tatsächlich stehen die Versicherten in der Regel mit jedem Tarifwechsel schlechter da. Damit das klar ist: Internetportale wie „vergleich-private-krankenkassen.de“, „check24.de“, „verivox.de“, „krankenversicherung.net“ oder ähnliche Portale sind Adressenschleudern, die nur eins wollen: Die Daten des Hilfesuchenden abgreifen und in bare Münze umwandeln.

Auch deshalb gehen viele Makler, Agenturen und Vermittler den direkten Weg über Betriebsspionage. Der ehemalige Boss der insolventen MEG AG, Mehmet Göker, nutzt die sozialen Medien: „Liebe Freunde und Follower“, schreibt er, „gibt es jemanden hier unter euch, der bei der Allianz im Innendienst tätig ist? Bitte nicht wieder jemand melden, der im Vertrieb tätig ist - auch keine Azubis - nur im Innendienst der Allianz. Ich hoffe, dass ich mich klar ausgedrückt habe“.

Mehmet Göker hat in nahezu jeder Versicherung seine Spione sitzen. Diese bekommen für jede Tätigkeit ein gesondertes Honorar. Das haben sie verstanden - Göker hat sich klar ausgedrückt.

Der Mitarbeitertrick

Innendienst-Mitarbeiter der Versicherungen haben Zugang zu den Daten der Versicherten. Besonders interessant sind „Altbestände“, also Versicherte, die schon über einen langen Zeitraum versichert sind. Sie stellen eine besonders lohnenswerte Klientel dar - reif für den Wechsel und die Abzocke.

Mehmet Göker hat über die Jahre auf unterschiedlichen Wegen, auch über Betriebsspionage, mehr als 440.000 Adressen gesammelt. Täglich kommen aus den Versicherungen neue Adressen dazu.

Andere Innendienst-Mitarbeiter der Versicherungen werden für „Adhoc-Aufgaben“ rekrutiert: Kommt beispielsweise über ein Internetportal oder eine Adressagentur ein neuer Versicherter hinzu, der dumm genug war, seine Daten weiterzugeben, dann wird der Status des Versicherten direkt geprüft. Einsparung: Mehr als zwei Wochen, weil die Drücker nicht auf die Antwort der Versicherung warten müssen.

Jede Veränderung eines Antrages, den eine Agentur, ein Makler und ein Vermittler über eine Vollmacht bei der Versicherung einreicht, dauert. Bei der Signal, so erfuhr :gerlachreport, werden solche Anfragen erst einmal zwei Wochen liegen gelassen. Dann gehen solche Anfragen in die Bearbeitung. Bevor am Ende ein Tarifwechsel tatsächlich erfolgen kann, sind drei Monate vergangen. Für jeden Vermittler untragbar - sie wollen an das schnelle Geld.

Der Telefontrick

Versicherte werden auch direkt angerufen. Angeblich sogar von der Versicherung. Das nennt man dann Kundenpflege. Tatsächlich ruft die Versicherung aber gar nicht an. Mehmet Göker, der derzeit mit seinem Team unter dem Namen „Wirtschaftskontor Ludewig“ telefoniert, nutzt gerne auch den Namen des Versicherers.

Wenn also ein vermeintlicher Mitarbeiter der „Allianz - PKV“ anruft, dann kann das durchaus das Team von Mehmet Göker sein. In der Türkei, wohin sich Göker wegen eines internationalen Haftbefehls geflüchtet hat, betreiben die Betrüger ein Telefonsystem, das beliebig die Nummer des Versicherers bei einem Anruf anzeigen kann.

Mit den Daten der Versicherungs-Spione läuft der Anruf dann so ab, dass der vermeintliche Allianz-Mitarbeiter oder die Mitarbeiterin nach ein paar höflichen Worten einen Anruf des „Wirtschaftskontors Ludewig“ ankündigt. Voll des Lobes wird der Allianz-Partner in den Himmel gelobt.

Es kommt, was kommen muss: Innerhalb von 24 Stunden ruft dann - wieder aus der Türkei mit deutscher Nummer - eine andere Mitarbeiterin oder ein Mitarbeiter des „Wirtschaftskontors Ludewig“ an. Am Telefon: Das Göker-Team.

Natürlich funktioniert das Spiel auch andersherum: Ruft erst das Wirtschaftskontor an und sagt der Angerufene, er wolle das jetzt schnell mit seiner Versicherung klären, wird sich, wie durch ein Wunder, innerhalb kürzester Zeit jemand von der Versicherung melden und die Lösungen des Wirtschaftskontors über den Klee empfehlen.

Fragt man aber bei der Versicherung nach, sind derartige Anrufe ebenso unbekannt, wie die Mitarbeiternamen.

Damit an dieser Stelle kein falscher Eindruck entsteht: Aus Unterlagen, die dem :gerlachreport vorliegen, ergibt sich, dass (fast) alle Versicherer diese Methoden kennen.

Schritte dagegen haben sie nach derzeitigem Stand jedoch (noch) nicht eingeleitet.

Betriebsspionage bei Versicherungen ist bis heute statistisch noch nicht festgestellt worden - der Schaden geht in die Millionen. Leidtragende sind in der Regel immer die Versicherten

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