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Eventus

So kapert man skrupellos eine Genossenschaft

Als der Chef aus den Flitterwochen kam, war er sein Unternehmen los

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Edwin Mailänder: Der Unternehmens-Pirat ist eigentlich ein gescheiterter Finanzberater, der Seidentücher verkauft. Die Beute bei der Eventus wollte er dann wohl für sich haben

Die eine Seite der Medaille liest sich so: Die „Eventus eG - Die Wohnungsgenossenschaft“ hat „jahrelang“, mindestens seit 2012, durch Marco Terracciano und seine Ehefrau Yvonne Lüer-Terracciano Investoren und Anleger betrogen. Es geht um „Veruntreuungen, Urkundenfälschungen, Verstöße gegen das Gesetz über Vermögensanlagen, gegen Bilanzierungsvorschriften u.ä“. Insgesamt stehen rund 10 Millionen Euro Anlegergelder im Feuer. In einem anhängigen Arrestverfahren soll das Ehepaar Terracciano mehr als zwei Millionen Euro an das Unternehmen zurückzahlen. Denn das Ehepaar ist das Unternehmen los. Neue Herren im Haus sind Edwin Mailänder und der Prokurist Husein Gneidieh.

Die andere Seite: Der heute 34jährige Marco Terracciano aus Ludwigsburg ist auf den halbseidenen „Finanzdienstleister“ und Seidentuchhändler Edwin Mailänder reingefallen. Ein Unternehmens-Pirat. Mailänder wird im Juli Vorstandsmitglied. Acht Wochen später ist das Ehepaar ausgebootet und sein Geld los. Denn Mailänder & Co. haben wie klassische Piraten das Unternehmen gekapert.

Das Ehepaar Terracciano war von Ende Juli bis Mitte August schlicht auf nachgeholter Hochzeitsreise: Zunächst wurde im Büro eingebrochen und alle Akten, auch Privatunterlagen, wurden gestohlen. Vorstand Mailänder und Prokurist Gneidieh sichteten das Material. Terracciano zum :gerlachreport: „Ich gehe auch davon aus, dass gezielt Unterlagen manipuliert worden sind.“

Mit dem Material und der Hilfe von Rechtsanwälten (Streitwert 680.000 Euro) ist eine 24seitige Antragsschrift auf „dinglichen Arrest und Arrestpfändung“ der Stuttgarter Rechtsanwälte „Gleiss Lutz“ herausgekommen. Die Anwälte vertreten jetzt offiziell die Eventus eG.

In den Unterlagen, die :gerlachreport vorliegen, heißt es: „Herr Mailänder begann aufgrund von Ungereimtheiten am 9. August 2017 stutzig zu werden und entdeckte am Folgetag teils durch Zufälligkeiten, teils durch akribische Nachforschungen, Straftaten des Antragsgegner (Marco Terracciano d.Red.).“ Und: „Seitdem arbeitet er gemeinsam mit dem Prokurist Gneidieh für die Antragstellerin intensiv an einer rückhaltlosen Aufklärung der Zusammenhänge. Dabei werden immer weitere Straftaten und Pflichtwidrigkeiten zu Tage gefördert.“

Marco Terracciano: „Ich stand mit Mailänder ständig in Kontakt. Er hat nichts gesagt, mir keine Fragen gestellt oder auch nur Andeutungen gemacht. Normalerweise werden solche Sachen besprochen und geklärt. Oder wenn es tatsächlich etwas gibt, was nicht in Ordnung ist, dann legt man einfach sein Amt als Vorstand wieder nieder. Aber dieser Vorgang stinkt gewaltig.“

Man könnte es auch so sagen: Wer keinen Betriebsspion möchte, stellt einen illoyalen Vorstand ein, der dann den Chef während seiner Flitterwochen kaltstellt und wirtschaftlich zerstört. Interessant wäre die Frage, in welchem Auftrag Mailänder tatsächlich gehandelt hat.

Das 28seitige Machwerk der Stuttgarter Rechtsanwälte reichte für einen umfassenden Arrest, der das Ehepaar wirtschaftlich schachmatt setzt. Sämtliche Konten sind dicht, bei Yvonne Terracciano wurde eine Taschenpfändung durchgeführt und sogar ihr Ehering beschlagnahmt: „Der Versuch die verbliebenen Vermögenswerte zu sichern, würde leer laufen, wenn der dingliche Arrest nicht unverzüglich angeordnet wird“, heißt es in der Antragsschrift, „das zweite Vorstandsmitglied (Mailänder d.Red.) hat, unmittelbar nachdem es die Unregelmäßigkeiten aufgedeckt hat, sichergestellt, dass keine weiteren Kundengelder angenommen und Anleger mehr getäuscht werden.“

Und: „Am Morgen des 15. August 2017 flog er (Marco Terracciano d. Red.) bereits wieder auf einen einwöchige „Geschäftsreise" nach Las Vegas (USA). Allein innerhalb dieser zwei Tage veruntreute (Marco Terracciano d. Red.) weitere EUR 33.180. Es ist daher erforderlich, den Arrest bereits vollzogen zu haben, bevor der Antragsgegner am Sonntag, dem 20. August 2017, von seiner USA-Reise zurückkehren wird. Jede Verzögerung führt mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zu weiteren unrechtmäßigen Geldabflüssen, durch die die Vermögenswerte der Antragstellerin veruntreut werden, weitere Genossen geschädigt werden, entstandener Schaden vertieft wird und neuer Schaden entstehen kann.“

Die 20. Kammer beim Landgericht Stuttgart konnte oder wollte sich einer derart verbalen Vehemenz nicht entziehen, warf die Unschuldsvermutung über Bord und erließ just in der Zeit den Arrest, als Terracciano in den USA war. So wie der Unternehmens-Pirat Mailänder das wollte.

Mailänder hat weitere Tatsachen geschaffen und die Genossenschaft in die Insolvenz geführt - auch das mit Kalkül. So kommt er günstig an die Konkursmasse und die Genossenschaftsmitglieder, die er dann in seine „Finanzprodukte“ führen kann.

Das ergibt sich jedenfalls beim Studium der Akte, die :gerlachreport zugespielt wurde. Eigentlich wäre es eine typische :gerlachreport-Geschichte gewesen: Anleger um rund 10 Millionen Euro geprellt, Genossenschaft-Chef lebt in Saus und Braus und verbringt seine Hochzeitsreise in Südfrankreich. Alles viel zu glatt, zu konstruiert. Ausgeklügelt. Eine Kampagne. Die Akte stank schon bei der ersten Seite.

Unterdessen schreibt der neue halbseidene Tuchhändler als Genossenschafts-Vorstand Mails und Briefe an die Genossenschaftsmitglieder und lässt kein gutes Haar an den Flitterwöchnern. Nicht, dass wir das vergessen: Der Arrest ist noch nicht ausgeteilt, es gibt keine Privatklagen oder gar eine strafrechtliche Anklageschrift. Das Ganze mündet dann sogar in der Forderung Mailänders, Terracciano in Haft zu nehmen.

Interessengemeinschaften werden gebildet, bekannte Abzockanwälte wittert das Geschäft mit angeblich betrogenen Genossenschaftsmitgliedern. So werden Unternehmen und Menschen kaputt gemacht.

Und die Beute? Rund 10 Millionen Euro. Denn tatsächlich liegen die Fakten dann doch anders, als Pirat Mailänder das darstellt.

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