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EN Storage

Freude bei Edvin Novalic: Nur acht Jahre Knast

Novalic hat einen wertlosen Schuldtitel über 70 Millionen Euro unterschrieben

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„Unsere Kommunikation bestand in den letzten Jahre nur aus Schreien“, sagte Novalic. Beier habe ihn gar körperlich bedroht. Ehemalige Mitarbeiter bestätigen, dass dies im Geschäftsleben von EN Storage vorgekommen sei

Das Landgericht Stuttgart hat den ehemaligen EN Storage-Boss Edvin Novalic zu einer Haftstrafe von sieben Jahren und zehn Monaten wegen gewerbsmässigem Betrugs verurteilt. Schon vor seiner Selbstanzeige hatte Novalic gegenüber dem :gerlachreport gesagt: „Wenn ich weniger als acht Jahre bekomme, habe ich alles richtig gemacht.“ Novalic sitzt seit mehr als eineinhalb Jahren in Untersuchungshaft. Damit bleibt eine Reststrafe von 66 Monaten. In weniger als drei Jahren kann Novalic die vorzeitige Haftentlassung beantragen - Freigänger ist er dann allemal.

Damit ist der Prozess gegen den ersten Ex-Geschäftsführer der ehemals in Herrenberg ansässigen Firma EN Storage beendet und ihr Geschäftsmodell gerichtlich als illegales Schneeballsystem enttarnt. Ob das betrügerische Geflecht des zweitgrößten Falls von Anlagebetrug in der Geschichte Baden-Württembergs je vollständig entwirrt werden kann, bleibt offen, insbesondere, ob je alle Beteiligten abgeurteilt werden können.

Am Vorsatz des Betruges zweifelte schon zu Prozessbeginn niemand. Verhandelt wurde nicht Schuld oder Unschuld, sondern lediglich die Höhe der Strafe. Der Ex-Geschäftsführer von EN Storage Edvin Novalic hatte sich selbst gestellt und gestanden. Immer wieder hatte er vorgerechnet, dass die Eigenanzeige, gemessen an dem tatsächlichen Schaden, „ein lohnendes Geschäft ist“.

In monatelangen Vernehmungen hatte er die Namen von Mittätern genannt, internationale Geldströme über Briefkastenfirmen offenbart. EN Storage hatte von fast 5.000 Anlegern 93 Millionen Euro eingesammelt, angeblich um Datenserver zu kaufen und an Konzerne zu vermieten. Die Server existierten nie. Rechnungen, Testate, Bilanzen wurden über einen Zeitraum von siebeneinhalb Jahren systematisch gefälscht.

Insgesamt 673.000 Euro kassierte Novalic gemäß gerichtlicher Feststellung als Geschäftsführergehalt, 173.000 Euro hob er für private Zwecke vom Geschäftskonto ab, Geschenke im Wert von 45 000 Euro bekam er im Sinne eines Handschlags von Geschäftspartnern. Der Verbleib von knapp elf Millionen Euro ist nebulös. „Wir nehmen zugunsten des Angeklagten an, dass er sie zur Aufrechterhaltung des Geschäftsbetriebs verwendet hat“, sagte der Richter Martin Friedrich.

Das Landgericht Stuttgart rechnete Novalic vor allem sein Geständnis strafmildernd an. Ohne die Selbstanzeige „hätten die Mitbeschuldigten wahrscheinlich munter weitergemacht“, sagte Martin Friedrich. Zugunsten des Angeklagten wertete das Landgericht außerdem, dass Novalic einen Schuldtitel über 70 Millionen Euro unterschrieben und sich der Zwangsvollstreckung unterworfen hatte. Allerdings ist der theoretisch eintreibbare Teil des Geldes bar ins Ausland geflossen und laut dem Insolvenzverwalter Holger Leichtle dort „unauffindbar“.

Die Verteidigerin Ulrike Paul behauptet hingegen, Personalnot beim Landeskriminalamt sei der Grund dafür, dass die Hinweise ihres Mandanten zu keinem nennenswerten Erfolg geführt hätten. Sie hatte gefordert, dass die Strafe sieben Jahre Haft nicht übersteigen dürfe. Der Staatsanwalt Christian Wolf hatte neuneinhalb Jahre beantragt. „Es darf sich in der Öffentlichkeit nicht der Eindruck festsetzen, dass Verbrechen sich lohnt“, sagte er.

Zu seiner vergleichsweise milden Strafe hatte Edvin Novalic vor allem der Paragraf 46 des Strafgesetzbuches verholfen: die Kronzeugenregelung. Anfangs hatte er die alleinige Schuld auf sich genommen. Erst „als die Ermittler ihm gesagt haben: Das glaubt Ihnen keiner, hat er tatkräftig bei der Aufklärung mitgeholfen“, sagte seine Verteidigerin.

Seinen Mit-Geschäftsführer Lutz Beier hat Novalic schwer belastet. Letztlich sei es Beier gewesen, der immer mehr Anlegergeld hatte einsammeln wollen. Seine eigene Aufgabe sei gewesen, die gefälschten Belege für die angeblich gekaufte Technik zu beschaffen. „Unsere Kommunikation bestand in den letzten Jahre nur aus Schreien“, sagte Novalic. Beier habe ihn gar körperlich bedroht. Ehemalige Mitarbeiter bestätigen, dass dies im Geschäftsleben von EN Storage vorgekommen sei.

Gegen Beier und seine Ehefrau – die Steuerberaterin des Unternehmens – wird in einem getrennten Verfahren verhandelt. Weil beide leugnen, dass sie von dem Betrug wussten, ist der Prozess ungleich umfangreicher. Ein Urteil ist nicht vor Weihnachten zu erwarten. Im September soll Novalic gegen seinen einstigen Kompagnon aussagen. Zu klären ist außerdem die Rolle dreier Wirtschaftsprüfer, die EN Storage alle Anlegergeschäfte beglaubigt und die Bilanzen für einwandfrei erklärt hatten.

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